Eine These zum Radsport
„Der große Sport beginnt da, wo die Gesundheit endet.“ Bertolt Brecht mag nicht als Sportwissenschaftler in die Geschichte eingegangen sein, aber in diesem Satz steckt im Gegensatz zu so manch anderer Voraussage des Künstlers so viel Wahrheit, dass anzunehmen ist, dass Brecht lieber den fußballerischen Aufführungen von Union Berlin oder den radsportlichen von Olympia Berlin beigewohnt hat, als an diesem oder jenem Manuskript zu feilen.
Doch was zeichnet den Radsport, diesen großen Sport, eigentlich aus?
Alkoholhaltige Cocktails, amouröse Abenteuer, ein wildes Partyleben: Für derlei Zeitvertreib haben Veloprofis kaum Zeit. Im Gegenteil. Die Radsportsaison dauert 365 Tage, ausgeklügelte Trainingspläne lassen nur wenig Spielraum für Freizeitvergnügen. Das Trainingsprogramm von Radprofis ist ähnlich anspruchsvoll wie das von Astronauten. Nur dass sich Lance Armstrong und Jan Ullrich nicht für die Reise zum Mond präparieren, sondern für einen Ausflug in die karge Mondlandschaft des Mont Ventoux in der französischen Provence.
Der kolumbianische Fahrer Victor Hugo Peña hat das erforderliche Maß an Disziplin und Einsamkeit eines Profifahrers als „way of life“ verstanden, die Einschränkungen in der Freizeit, die Abstinenz von Alkohol, Partys und Frauen: „Wenn ich mit einem 20-Jährigen spreche, klingt das, als wäre ich sein Vater. Ich habe nie wie ein 20-Jähriger gelebt. Ich habe nie wie einer gedacht. Und auch wenn es Fahrer gibt, die sagen: ‚Im Winter mache ich dies und das‘, dann tun sie das in zwei Monaten, keine fünf Jahre lang im Alter von 18 bis 23. Wenn ich in Kolumbien bin, gehe ich mit meinen Freunden zelten, aber ich trinke kein Bier, esse kein Eis oder keine Schokolade.“
Joyce Carol Oates hat in ihrem ausgezeichneten Essay „Über Boxen“ die Verwandtschaft des Boxkämpfers mit einem Künstler betont: Beim Training erfolge die selbe fanatische Unterwerfung der eigenen Persönlichkeit unter ein selbstgewähltes Schicksal, mit geradezu mönchischer Hingabe. Der Kampf selbst gleicht einer Buchveröffentlichung. Dasselbe gilt für den Radsport. Mit einer Einschränkung. Eine Einschränkung, die zugleich auf eine noch größere mentale Belastung des Radprofis hinweist. Für einen klassischen Helfer wie Victor Hugo Peña ist das Rennen keine Buchveröffentlichung. Diese Ehre wird nur dem Team-Kapitän zuteil. Sein Part besteht vielmehr darin, als Lektor an dem Werk mitgewirkt zu haben, ohne dass sein Name in der Publikation auftaucht.
Auszug aus dem Buch: "Did not Finisch". Der Radsport und seine Opfer. 20 Himmelsstürmer im Portrait, Covadonga 2004.