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Bielefeld im Jahr 2020

Oberbügermeister Ingolf Lück kündigt im Januar 2020 auf einer Pressekonferenz an, dass die Renovierungsarbeiten am Hauptbahnhof in naher Zukunft abgeschlossen sein könnten.

Nach der im Jahr 2011 geglückten Freilegung der Lutter von Stieghorst bis Kirchdornberg hatte sich Bielefeld zunächst in eine betörende Metropole mit mediterranem Flair verwandelt. Die Einwohner saßen den ganzen Tag in Cafés und schlürften Rotwein, die Vögel sangen Schmählieder auf Preußen Münster und selbst die Busfahrer lächelten Fahrgäste an, die mit einem Schülerausweis von 1998 als Fahrticket durchkommen wollten. Die ARD schenkte der Stadt einen eigenen „Tatort“, der immer damit endete, dass die beiden Kommissare verträumt an einer Flasche nuckelnd an einer Pommesbude am Lutterufer standen. Allerdings konnte sich Bielefeld nicht jener Entwicklung versperren, die alle Städte mit Fluss irgendwann ereilt. Mit der zunehmenden Teilung der Stadt in Linkslutteraner und Rechtslutteraner war die Stadt-Aufgliederung in „Biele“ und „Feld“ nicht mehr aufzuhalten. Am 3. Oktober 2020 jedoch findet die Wiedervereinigung statt. Bei den Feierlichkeiten wird die Lutter versehentlich einbetoniert.

Die bekanntermaßen eigensinnigen Jöllenbecker haben im Januar 2020 eine von den Stadtwerken vorgenommene Änderung im Müllabholplan zum Anlass genommen, sich ein für alle Mal vom Oberzentrum abzuspalten. Jöllenbeck gönnt sich daraufhin eine eigene Armee und den Grünen Sack für Laubabfall. Bis auf weiteres werden die diplomatischen Beziehungen zu Bielefeld eingestellt. Am 11. Juli 2020 ruft ein Elferrat die „Freie Republik Jöllenbeck“ aus, die sich umgehend bei der FIFA anmeldet und sich um die Austragung der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft bewirbt. Das Vorhaben endet erfolglos, dafür findet immerhin in der neuen „Jürmker Arena“ (der früheren Turnhalle an der Dorfstraße) ein Tischtennis-Länderspiel zwischen Sachsen-Anhalt und Slowenien statt.

Ein bekanntes Bielefelder Unternehmen, das einst in der Puddingbranche für Aufruhr sorgte, hat im Jahr 2015 den Stadtteil Brackwede erworben. Sämtliche Einwohner und Industrieunternehmen mussten umziehen und haben nun als Sennestadt II ein neues Zuhause direkt neben Alt-Sennestadt gefunden. Brackwede ist seit März 2020 offiziell als Versuchsküche im Handelsregister eingetragen.

Die Sparrennburg kann im April 2020 endlich gerettet werden. Der einsturzgefährdete Bau wird dabei einfach durch neue Bürotürme abgestützt, die ringsherum errichtet worden waren. Nun kann man zwar die Sparrenburg nur noch durch die Fenster der Bürotürme sehen, dafür aber steht das Wahrzeichen der Stadt aber noch, was etwa die Jöllenbecker nicht von sich behaupten könnten, lobt der Oberbürgermeister bei der Eröffnungsfeier.

Der Kesselbrink steht mal wieder leer, nachdem die vorübergehende Nutzung als Flughafen fehlgeschlagen war.

Der Obersee ist im April 2020 durch einen Computerfehler im Umweltministerium offiziell als Ozean eingestuft worden. Prompt ist quasi aus dem Nichts das Kreuzfahrtschiff Queen Mary 18 aufgetaucht und hat Wartungsarbeiten am Dock „Zur Innenstadt“ verlangt. Ein Schiff von Greenpeace ist vorbeigekommen, um gegen die schamlose Ausbeutung der Bielefelder Tunfischbestände zu protestieren. Die Besatzung muss aber später eingestehen, dass es im Obersee gar keine Tunfische gegeben hat. Ersatzweise attackieren die Umweltschützer ein paar Rentner, die verbotenerweise Enten und Schwäne mit Brot gefüttert haben. Im Juli erscheint endlich ein Sachbearbeiter aus dem Umweltministerium und klärt das Missgeschick zur Erheiterung aller Beteiligten auf.

Die Radrennbahn ist an die NASA verkauft worden, die das Rund als offizielle Landestelle für Außerirdische nutzen will. Um Außerirdische mit Musik und Licht anzulocken, wird die Kirmes an der Radrennbahn zur Dauereinrichtung.

Oberbürgermeister Ingolf Lück kündigt am 31. Dezember auf seiner von Kanal 21 übertragenen Neujahrsansprache an, dass die Renovierungsarbeiten am Bahnhof doch noch etwas länger dauern könnten.     


Dieser Text wurde auszugsweise im Rahmes des "Zirkeltraining Sommer Open Airs 2006" auf dem Bielefelder Klosterplatz vorgetragen.